5.4.2007
Gemeinderatsexkursion nach Gerlingen und Nagold
Ein Reisebericht
Vorstadtplatz in Nagold, Kreuzung einer Bundes- und einer Landstraße nach der Sanierung
Mitte März fuhr eine Delegation von Stadtverwaltung und Gemeinderat zusammen mit den Planern der LEG nach Gerlingen und Nagold, um sich dort zwei Beispiele schon weit fortgeschrittener Stadtkernsanierung zeigen zu lassen.
Früh am Morgen brach die Gruppe vor dem Leimener Rathaus auf und so kamen wir schon vor neun Uhr in Gerlingen in der Nähe von Stuttgart an. Hier ließ es sich der Bürgermeister der Stadt nicht nehmen, uns selbst über den Stand der dortigen Stadtkernsanierung zu unterrichten. Schon 1984 war dort mit der ersten Innenstadtsanierung begonnen worden. Die Maßnahme umfasste ein Gesamtbudget von 20 Millionen DM, wovon die Stadt 8 Millionen zu tragen hatte. Hier wurden innerstäditsche Brachen reaktiviert, der Nahverkehr neu geordnet, öffentliche Einrichtungen im Kern angesiedelt und die Verkehrsführung umstrukturiert. Nachdem die erste Sanierung vor wenigen Jahren erfolgreich abgeschlossen wurde, läuft seit 2003 die zweite Sanierung. Kernstück ist diesmal die Umgestaltung von Rathausvorplatz und angrenzender Stadthalle, sowie die Neuansiedlung großflächigen Einzelhandels an der Peripherie des Stadtkerns.
Der Rathausvorplatz als zentraler Platz der Stadt stellt sich heute als wenig attraktive Pflasterfläche dar, die teilweise mit Parkplätzen bestückt ist. Daraus soll ein autofreier Multifunktionsplatz werden, wozu die Stadt zunächst einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben hatte, der in einer zweiten Stufe ein Realisierungswettbewerb folgte.
In der Diskussion erläuterte Bürgermeister Brenner, dass es Ziel beider Sanierungsschritte sei, die Aufenthaltsqualität der Innenstadt zu steigern. Wörtlich sagte er: „Weiche Standortfaktoren sind wichtiger als Gewerbesteuerhebesätze.“ Darüber hinaus betonte er auch, den wichtigen Beitrag, der sehr aktiven Lokalen Agenda, die sich mit den Arbeitskreisen Verkehr, Energie und Stadt aktiv, in die kommunale Entwicklung einbringen.
Bei der anschließenden Begehung der Innenstadt konnten die angesprochenen Maßnahmen dann in Augenschein genommen werden. Die Erfolge der Sanierung wurden deutlich sichtbar: Ansprechend sanierte Privathäuser, ein abwechslungsreiches Angebot an Geschäften und vor allem keine Leerstände, gut erreichbare öffentliche Einrichtungen.
Bei der Begehung wurde allerdings auch ein wesentlicher Unterschied zu Leimen überdeutlich. Da Gerlingen keine Umgehungsstraße hat, schieben sich über 20 000 Autos durch die Innenstadt. Man hat sich daher für ein Einbahnstraßensystem und gegen eine Fußgängerzone entschieden. Darunter leidet die Aufenthaltsqualität des Stadtkerns doch deutlich, auch wenn den Fußgängern hier breite Gehwege zum flanieren angeboten werden können, was bei der Enge – zum Beispiel der Rathausstraße – in Leimen kaum möglich sein wird.
Nächste Etappe war Nagold im Nordschwarzwald. Nachdem sich unser Expeditionsteam mit einem Mittagessen gestärkt hatte, wartete auch hier der Oberbürgermeister mit Kämmerer, City Managerin und City Vereins Vertreter auf uns. Ähnlich wie in Gerlingen ist auch hier die Idee des „Kaufhaus Innenstadt“ prägend für die Sanierungsbemühungen.
Und auch hier wird schon sehr lange saniert (seit 1978).
Hauptproblem zu Beginn der Sanierung war der Verkehr. In der Innenstadt trafen (und treffen) sich eine Bundes- und eine Landesstraße, die die Stadt regelrecht zerschnitten – ähnlich wie das in Leimen auch heute noch der Fall ist. Da auch in Nagold eine Umgehungsstraße nicht machbar war, entschied man sich für eine Innenstadtumfahrung, die den Verkehr wenigstens aus dem Stadtkern herausnehmen sollte, um ihn für Bewohner und Geschäfte attraktiv zu machen.
Dies war eine wesentliche Voraussetzung, um das „Kaufhaus Innenstadt“ überhaupt angehen zu können, das dann in mehreren Abschnitten realisiert wurde und wird, und mit der Ausrichtung der Landesgartenschau 2014 einen vorläufigen Abschluss findet. Bis dann werden über elf ha Fläche mit einem Gesamtaufwand von ca. 22 Millionen € saniert sein.
Beim Konzept „Kaufhaus Innenstadt“, so OB Plewa, hat man sich zunächst daran orientiert, was zum Beispiel große Einkaufszentren so attraktiv macht und dann versucht, das auf die Innenstadt zu übertragen und mit den Vorzügen einer gewachsenen Siedlungsstruktur zu verbinden. Die gute Erreichbarkeit mit PKW und öffentlichem Verkehr, ohne dass man beim Einkaufen von Autos belästigt wird, war ein Aspekt.
Ein anderer Aspekt, der sich direkt an die Einzelhändler richtet, ist das sogenannte City Commitment, eine „Zentrumsverpflichtung“, die bestimmte Standards garantieren soll. Am einfachsten ist dies wohl an den Öffnungszeiten fest zu machen. Wenn das Einkaufszentrum um neun Uhr öffnet, weiß der Besucher, dass dann alle Läden geöffnet sind und es bis Toresschluss auch bleiben, denn die Pächter der Geschäfteflächen sind vertraglich dazu verpflichtet. Dagegen macht der Kunde in Innenstädten oft die frustrierende Erfahrung, dass jeder Laden seine individuellen Öffnungszeiten hat, weshalb man öfter vor verschlossenen Türen steht. Die Abwanderung ins nächste Einkaufszentrum ist vorprogrammiert.
Daneben gibt es noch ein Bürgerforum, das Geschäfte in der Innenstadt zertifiziert, was wiederum einen Ansporn darstellt. Der City Verein vergibt die Sondernutzungsrechte (zum Beispiel für Außenbewirtung) und kann dadurch Druck auf die Geschäfte ausüben, was die Gestaltung ihrer Außenanlagen angeht.
Bei der anschließenden Führung wurde sehr deutlich, wie man mit durchdachter Planung auch aus einer katastrophalen Verkehrssituation heraus kommen kann, wie das Beispiel Markststraße und Vorstadtplatz in Nagold zeigt.
Als Fazit bleibt festzuhalten, dass uns diese Fahrt viele gute Anregungen gebracht hat, von denen wir einiges sicher auch in unserer gerade anlaufenden Sanierung umsetzen können. Außerdem hat sich in beiden Kommunen gezeigt, dass es einen langen Atem braucht, die Bereitschaft, immer wieder flexibel umzuplanen und die Bevölkerung aktiv mit einzubinden.
Aber natürlich sind beide besuchte Städte mit Leimen nur bedingt vergleichbar. Gerlingen liegt im Stuttgarter Speckgürtel, hat Null Schulden und 25 Millionen Euro auf der hohen Kante, einen positiven Pendlersaldo und ist die Kommune mit der höchsten Kaufkraft in der Region Stuttgart. Nagold wiederum ist mit seinen 22000 Einwohnern die größte Stadt im Umkreis von ca 20 Kilometern und hat ein entsprechend großes Hinterland als Einzugsgebiet. Direkt übertragbar sind also beide Konzepte nicht. Leimen wird seinen eigenen Weg finden müssen, ohne das Rad gleich neu zu erfinden.
Ralf Frühwirt