GRÜN-Alternative LISTE LEIMEN

 
 
 

21.4.2006

Neuverschuldung - gibt es Alternativen?

Zum Thema „Neuverschuldung der Stadt Sinsheim“ lud die Bürgervereinigung Aktiv für Sinsheim am 27.3. zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung. Da auch in Leimen die Verschuldung zu nimmt und die Spielräume für die Kommunen insgesamt kleiner werden, schickte auch die GALL eine Abordnung nach Sinsheim in die Stadthalle. Zumal es dort nicht speziell um die Sinsheimer Problematik ging, sondern um die Frage, wie die strukturellen Finanzprobleme, die mit wenigen Ausnahmen alle Kommunen erfasst haben, zu lösen sind.

Dazu hatte die Initiative einen Referenten geladen, der Naturschützern vor allem durch seinen Beitrag zur Flurbelebung und Biotopvernetzung ein Begriff ist – Hermann Benjes (Erfinder der Benjes-Hecke). Seit vielen Jahren beschäftigt er sich allerdings hauptsächlich mit ökonomischen Problemen, im wesentlichen auf dem Hintergrund der Geld- und Zinstheorie von Silvio Gesell. Dieser erfolgreiche Kaufmann und wirtschaftswissenschaftliche Autodidakt hatte Anfang des letzten Jahrhunderts nach eigenem Erleben von Wirtschaftskrisen seine Freiland- und Freigeldtheorie entwickelt, die im Horten von Geld und im Nehmen von Zinsen wesentliche Ursachen dieser Krisen erkannt hat. Die Lösung des Problems sah Gesell unter anderem in einer sogenannten "Umlaufsicherung", die das Geld den Waren gleich stellen sollte, die ja auch an Wert verlieren, wenn sie älter werden. Bestätigt wurde Gesell in seiner Auffassung durch bekannte Wirtschaftswissenschaftler wie Irwing Fisher oder J. M. Keynes, ohne dass es allerdings zu einer weiten Verbreitung seiner Theorie kam.

Dennoch gab es in den 20er und Anfangs der 30er Jahre einige lokale und sehr erfolgreiche Versuche mit zinsfreiem Geld, vor allem im deutschsprachigen Raum. Der bekannteste davon fand in der österreichischen Kommune Wörgl statt, die 1932 so stark unter der Wirtschaftskrise zu leiden hatte, dass sie die fälligen Zinsen für Kredite nicht mehr bedienen konnte. In dieser Situation entschied sich der Bürgermeister mit seinem Gemeinderat zur Herausgabe eigenen "Geldes", das natürlich nur in Wörgl Gültigkeit hatte. Aufgrund der Tatsache, dass die einzelnen Geldscheine mit der Zeit an Wert verloren, wurden diese nicht gehortet, sondern möglichst bald wieder in Umlauf gebracht, was den Wirtschaftskreislauf erheblich belebte. In Wörgl sank die Arbeitslosigkeit innerhalb eines Jahres um 25%, während sie im Rest von Österreich im gleichen Zeitraum um 10% anstieg. Obwohl sich Politiker und Ökonomen aus Europa und den USA für das Projekt interessierten, stoppte die österreichische Bundesbank per Gerichtsurteil diesen erfolgreichen Versuch. Die Anhänger Gesells, der selbst diese Umsetzung seiner Theorie nicht mehr erlebte, meinen, dass gerade der Erfolg dieses Versuchs zu seinem Verbot führte. Dies alles führte Hermann Benjes sehr engagiert und ausdrucksstark aus, wobei er sich immer wieder auf sein Buch "Wer hat Angst vor Silvio Gesell" bezog.

Die heute wieder an Zuspruch gewinnende Regionalgeld-Bewegung, bezieht sich auf das Vorbild von Wörgl. Auch die Initiatoren dieser Veranstaltung planen ein Regiogeld für den Kraichgau. Im Gegensatz zum österreichischen Vorbild ist hierzulande auch die rechtliche Seite geklärt. Regionalgeld fällt nicht unter das Geldschöpfungsverbot, solange es regional bleibt. Richtig angewandt hätten Kommunen oder Regionen damit ein brauchbares Instrument an der Hand, um die heimische Wirtschaft zu fördern, den Arbeitsmarkt vor Ort zu beleben und kommunale Entwicklung ohne Neuverschuldung voranzutreiben. Die Frage ist nur, ob es genug Interesse und Mut gibt, angesichts der dramatischen finanziellen Situation auch in Leimen, um "neue" und ungewöhnliche Wege zu gehen. Diese Frage allerdings konnte an diesem interessanten Abend nicht beantwortet werden.

Ralf Frühwirt

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