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21.11.2006

Hochwassergefahren

Rede von Ingrid Hörnberg vom 21.11.2006

Nächstes Jahr wird das Regierungspräsidium Karlsruhe die Hochwassergefahrenkarten für den Leimbach und den Landgraben unserer Stadtverwaltung zur Verfügung stellen. Einem Vorläufer dieser Karten zufolge gibt es in St.Ilgen und in Leimen Flächen die bei einem 100-jährlichem Hochwasser damit rechnen müssen, daß sie mit 50 bis 100 cm unter Wasser stehen würden. Dies klingt nicht sehr viel, reicht aber aus, um einen großen materiellen Schaden für die einzelne betroffene Familie zu verursachen und deshalb sollten wir uns mit diesem Thema beschäftigen und prüfen, ob wir nicht mit verhältnismäßig einfachen Mitteln diese materiellen Schäden verringern können.

Durch die Klimaveränderung kann dieses 100-jährliche Hochwasser zu einem 80-jährlichem oder sogar zu einem 50-jährlichem Hochwasser werden und die Wahrscheinlichkeit, daß es uns treffen wird steigt in den nächsten Jahrzehnten.

Die Länder Bayern und Baden-Württemberg haben eine Studie veröffentlicht, die das Ziel hatte, Aussagen darüber zu machen wie sich die Klimaveränderung erwartungsgemäß  auf den Wasserhaushalt in den Jahren 2021 bis 2050 auswirkt.

Das Ergebnis dieser Studie für das Jahr 2050 ist folgendermaßen:

  • Die Erwärmung geht weiter, die Lufttemperatur wird vor allem im Winter steigen.
  • Die Niederschläge werden vor allem im Winter zunehmen.
  • Hiervon ist insbesondere der Abfluß der Gewässer betroffen.
  • Auch bei der Dauer und Häufigkeit von Westwetterlagen ist im Winter mit einer Zunahme zu rechnen.

Man geht davon aus, daß im Sommerhalbjahr die mittlere Tagestemperatur um 1,4°C auf ca. 15° C steigen wird. Im Winterhalbjahr wird die mittlere Tagestemperatur um 2° C auf 4,5 ° C steigen. (Mittlere Tagestemperatur: tm = (t7+t14+2xt21)4)

Im Winter wird es weniger trockenkalte, sonnige Tage mit Schnee und mehr naßkalte, bewölkte Tage mit Regen geben. Die für die Bildung von Hochwasser bedeutsamen Westwetterlagen werden im Winter zunehmen.

Was bedeutet dies alles für uns?

Zum einen: durch die steigende Lufttemperatur im Sommer verdunstet mehr Wasser, es regnet aber nicht häufiger und deshalb leiden die Pflanzen oft unter Trockenheit und viele unserer einheimischen Bäume sterben ab.

Wenn es nicht gelingt, rechtzeitig ausreichend viele Bäume zu pflanzen, die Trockenheit aushalten, und die für die einheimische Insekten- und Vogelwelt geeignet sind, werden wir deshalb in der Waldwirtschaft große Probleme bekommen. Der Erdboden kann ohne Bäume weniger Wasser speichern und es kommt zu vermehrtem unmittelbarem Zufluß in die ableitenden Bäche und zu mehr Erdrutschen.

Die größere Verdunstung bewirkt auch, daß der Erdboden insgesamt mehr austrocknet und bei einem Regen das Wasseraufnahmevermögen eines teilweise versiegelten Bodens haben wird.

Im Winter werden die Niederschläge nicht mehr als Schnee zwischengespeichert und dann nach und nach abgegeben, sondern sie fallen gleich als Regen.

Die theoretische Möglichkeit eines Hochwassers ist gegeben. Wie schaut es für uns lokal aus. Woher würde ein Hochwasser herkommen?

Durch den Rhein (1320km) bekommen wir kein Hochwasser. Hochwasser beim Rhein wird von der Schneeschmelze, der Aare (295km + 17.779km² Einzugsgebiet) und den Zuflüssen aus dem Schwarzwald und den Vogesen bestimmt und trifft die Rheinanleger. Hochwasser vom Neckar bekommen wir auch nicht. Die Neckaranlieger können Hochwasser durch einen hohen Wasserstand des Neckars bekommen, bzw. durch einen Rückstau an der Neckarmündung in den Rhein.

Jetzt zu uns. Zum einen kann bei uns, solange die geplante Hochwasserschutzmaßnahme Nummer 4 nicht gebaut ist, der Damm des Leimbaches brechen, weil er stellenweise alt und marode ist. Dann würden Teile von St.Ilgen betroffen sein, inwieweit kann nicht im voraus gesagt werden.

Zum anderen kann es durch Starkregen zu Überflutungen kommen, wenn sich z.B. eine intensive ausgedehnte Regenfront nur langsam weiterbewegt und der Boden kein Wasser aufnehmen kann, weil er entweder durch frühere Regenfälle gesättigt oder gefroren ist.

Im Einzugsgebiet der oberen Elbe hat es am 12. August 2002 bis 300 Liter pro Quadratmeter geregnet, in Teilen der Provence in Frankreich waren es am 8. September 2002  an einem Tag 650 Liter/m² . Wir haben normalerweise etwa 700 Liter in einem ganzen Jahr.

Wir müssen uns bewußt sein, daß ein Hochwasser im nächsten Winter eintreten könnte. Es könnte in 20 Jahren eintreten oder auch nie. Wir können es nicht voraussehen. Wenn wir uns aber gar keine Gedanken machen und der Fall tritt ein, dann erwischt es uns kalt.

Nehmen wir an, in 20 Jahren haben wir Hochwasser in Leimen. Es handelt sich um ein großflächiges 100 jährliches Ereignis, d.h. auch andere Gemeinden wären betroffen.

Wie würde die Situation ausschauen? Teilgebiete von St.Ilgen und Leimen würden mit 50 bis 100 cm unter Wasser stehen. Die Stromversorgung, die Frischwasserzufuhr, das Abwassersystem, die Lebensmittelversorgung und die Versorgung mit Bargeld könnten teilweise beeinträchtigt sein.

Sowohl das Durchschnittsalter, als auch die Zahl der älteren Bürger wäre wesentlich höher als heute. Dies bedeutet, daß sich viel mehr Leute nicht selber helfen könnten.

Auf der anderen Seite gäbe es insgesamt weniger jüngere Menschen, deshalb auch weniger Mitglieder bei der Feuerwehr und dem Katastrophenschutz.

Bei einem großflächigem Ereignis sollten wir auch davon ausgehen, daß wir die ersten Stunden, oder auch 1-2 Tage selber zurechtkommen müßten, da die Feuerwehr dahin geschickt werden würde wo der Bedarf am größten ist und ein vollgelaufener Keller unter 100 anderen vollgelaufenen Kellern ist keine besondere Sache.

Für uns wäre es deshalb grundsätzlich wichtig, daß so viele Wohnungen wie nur möglich nicht durch Wassereintritt beeinträchtigt werden. Jede trockene Wohnung und jeder trockene Keller bedeutet für uns ein Problem weniger.

Das heißt: wir müssen einen vorbeugenden Hochwasserschutz betreiben.

Vorbeugender Hochwasserschutz

Vorbeugenden Hochwasserschutz erreichen wir auf mehreren Wegen:

  • Die Landesregierung plant Hochwasserschutzkonzepte und setzt sie um.
  • Die Landesregierung erstellt Gefahrenkarten und stellt sie den Gemeinden zur Verfügung.
  • Die Kommune pflegt ihre Abwasseranlagen und ihre Abwasserleitungen.
  • Die Kommunen baut Regenrückhaltebecken.
  • Die Kommunen fördert die Entsiegelung des Bodens.
  • Der Bürger überlegt sich was er selbst machen kann um sein eigenes Eigentum zu schützen und setzt diese Überlegungen nach und nach um.

Wir haben die Flächenvorsorge mit dem Ziel, so wenig wie möglich in überflutungsgefährdeten Gebieten zu bauen (z.B. kein Gefängnis in den Nußlocher Wiesen).

Dann haben wir die Bauvorsorge, das ist wenn man durch angepaßte Bauweise und Nutzung den Schaden durch eine mögliche Überflutung so gering wie möglich hält.

Wir haben die Verhaltensvorsorge, die dem Bürger Hinweise gibt, was er im Fall der Fälle tun bzw. nicht tun soll.

Und wir haben die Risikovorsorge, das ist die finanzielle Vorsorge, falls doch ein Schaden eintritt.

Zu den Maßnahmen der Landesregierung:

Es wurden 5 Maßnahmen für das Hochwasserschutzkonzept Leimbach-Hardtbach entwickelt und zum Teil schon umgesetzt. Die Fertigstellung dieser Maßnahmen sollen einen 50-jährlichen Schutz ergeben.

  1. Zwischen Walldorf und Nußloch wurde beim Hardtbachwehr, welches bei der Gelegenheit erneuert worden ist, ein Regenrückhaltebecken geschaffen. Dieses hat ein maximales Aufnahmevolumen von ca. 300.000 m³. Es ist als ein durchflossenes Becken angelegt und füllt sich bei Starkregen. Nach Regenende  wird das Becken automatisch über den Leimbach und den Hardtbach entleert.

    Das Hardtbachwehr begrenzt den Abfluß in den Leimbach auf maximal 1 m³/s.

    Vielleicht sollte man dazu wissen, daß der Mittelwert des Abflusses in den letzen 25 Jahren bei 0,83 m³/s gelegen ist.

  2. Die zweite Maßnahme war der Ausbau des Hardtbaches und Schaffung von zwei Poldern zwischen dem Hochwasserrückhaltebecken, welches wir gerade besprochen haben, und dem Industriegebiet Hockenheim-Talhaus.

    Das Hardtbachwehr kann bis 23 m³/s in den Hardtbach leiten, ohne daß Probleme auftreten würden. Durch den Polderbau mit 1,8 Millionen m³ Rückhaltevolumen würden bei einem Hochwasserereignis 13 m³/s in den Wald abgeleitet werden können, so daß nur noch 10 m³/s weiter durch Hockenheim zum Rhein hin fließen würden.

  3. Die dritte Maßnahme betrifft die Sanierung des Gewässerabschnittes zwischen Rückhaltebecken Nußloch und der Mündung Waldangelbach.

    Im ersten Arbeitsabschnitt sollen zwischen dem Rückhaltebecken und dem Ortseingang Wiesloch die Dämme verstärkt und erhöht und das Bachbett teilweise verbreitet werden. Im zweiten Bauabschnitt zwischen dem Ortseingang Wiesloch und der Mündung des Waldangelbaches soll innerorts der Leimbach auf eine 50-jährliche Hochwassersicherheitsstufe gebracht werden. Diese Maßnahme ist im Planungsstadium.

  4. Die vierte Maßnahme betrifft jetzt uns direkt und zwar ist dies die Sanierung des Unterlaufs des Leimbaches zwischen dem Regenrückhaltebecken und der Kreuzung von Leimbach/Landgraben in Sandhausen.

    Es ist geplant die Gewässersohle tiefer zu legen und das Bachbett zu verbreitern. Dadurch kann man teilweise die vorhandenen Dämme entfernen. Ein schadloser Abfluß eines 50 jährlichen Hochwassers für die betroffenen Ortsteile von Nußloch, St. Ilgen und Sandhausen könnte dadurch erreicht werden. Im Moment werden die Genehmigungsunterlagen aktualisiert.

    Diese Maßnahme hätte natürlich auch Konsequenzen. Zum Beispiel müßten in St.Ilgen die Birken gegenüber der evangelischen Kirche gefällt werden. Ich habe jetzt schon ein paar Mal gehört, daß man der Stadtverwaltung in diesem Fall Willkür unterstellt hat. Das ist aber nicht der Fall. Es wäre deshalb wichtig der Bevölkerung den Sinn dieser Maßnahme klarzumachen, damit sie auch von allen Bürgern unterstützt wird.

  5. Die fünfte Maßnahme ist die geplante Zusammenlegung von Leimbach und Landgraben zwischen der Kreuzung Leimbach/Landgraben und östlich von Oftersheim. Im Moment werden die Unterlagen für die Genehmigungsplanung erstellt.

Was kann jetzt die Gemeinde für den Hochwasserschutz tun:

  • Sie kann die Gefahrenkarten nach deren Fertigstellung dem Bürger zugänglich machen, damit dieser sich selber über sein eigenes Gefahrenpotential informieren kann.
  • Sie kann dem Bauherrn bei Genehmigungsplanungen raten, daß der Planer den höchsten Grundwasserstand der letzten 100 Jahre und, entsprechend der aktuellen Gefahrenkarten, den Hochwasserstand für ein 100-jährliches Hochwasser einzeichnet, damit bei der allgemeinen Gebäudeplanung und der Gebäudeabdichtung diese Aspekte eingearbeitet werden. Hierzu muß man wissen wie Wasser bei einem Hochwasser in das Gebäude eindringt.

Bei gut wasserdurchlässigem Boden kann es bei Hochwasser zu einem kurzfristigem Anstieg des Grundwassers kommen. Das Wasser kann durch Undichtigkeiten bei den Hausanschlüssen (Rohr und Kabel), bzw. der Arbeitsfugen eindringen. Es kann Rückstau durch die Kanalisation geben. Oberflächenwasser kann durch Lichtschächte und Kellerfenster kommen. Es kann auch durch die Außenwand nach innen sickern und es kann durch Tür- und Fensteröffnungen eindringen.

Was kann die Gemeinde noch alles tun:

  • Sie kann Information zu dem Thema auf ihrer Internetseite anbieten.
  • Sie kann erlauben, im Gefahrengebiet bei Neubauten den Sockel soweit zu erhöhen, so daß man mit dem Erdgeschoß über die Marke für ein 100-jährliches Hochwasserereignis kommt.
  • Sie kann durch gesetzliche Maßnahmen und durch Aufklärung die Entsiegelung des Bodens fördern. Jeder Quadratmeter aufnahmefähiger Boden ist ein Kleinstregenrückhaltebecken.

Was kann der Bürger tun um sich zu schützen:

  • Er kann sein eigenes Risiko feststellen. Wer in einem überflutungsgefährdetem Bereich lebt und eine Kellergeschoßwohnung bewohnt, hat ein anderes Risiko, als wenn er im 3. Stock seine Wohnung hat.
  • Er kann bei Reparaturen, bei Umbaumaßnahmen, bevor er in ein neu gekauftes älteres Haus einzieht, bzw. wenn er ein neues Haus baut, gleich verschiedene Maßnahmen durchführen und so zusätzliche Kosten entweder ganz vermeiden oder doch zumindest kräftig reduzieren.

Maßnahmen sind, zum Beispiel:

  • Rückstauventile einbauen! Also: feststellen ob ein Rückstauventil Sinn macht und wenn ja, dann bei der nächsten Gelegenheit einbauen. Noch etwas: die Rückstauebene ist normalerweise die Straßenoberkante, in überflutungsgefährdeten Gebieten ist sie jedoch die Oberkante des Hochwassers.
  • Ein andere Maßnahme ist, daß man Öltanks gegen Aufschwemmen sichert!
  • Oder: Heizanlagen und Elektrokasten nicht in Gebäudeteilen unterbringen, die überflutet werden können, sondern höher einbauen.
  • Geeignete Baumaterialien verwenden! Also, in den Räumen, in denen es naß werden könnte keine Baumaterialien aus Holz, auch keine auf Gipsbasis, sondern auf Kalkbasis verwenden! (Zementestrich anstelle von Anhydritestrich, Zementputz anstatt Gipsputz, Kalksandsteine anstelle von Gipskartonplatten, etc.)
  • Dann ist es wichtig den Erdboden zu entsiegeln! Entsiegelter Boden bedeutet, daß nicht soviel Wasser gleichzeitig in den Abwasserleitungen in den Straßen abgeleitet werden muß und vermindert die Gefahr des Rückstaus. Entsiegeln kann man, indem man das Dachwasser von Garagen und Vordächern direkt in den Garten auslaufen läßt. Dachwasser vom Hauptdach könnte man teilweise im Garten versickern lassen. Bei der Gestaltung der Eingangssituation oder der Garagenzufahrt, könnte man entweder wasserdurchlässige Steine nehmen, bzw. versuchen das Wasser im eigenen Garten versickern zu lassen.

Zusammenfassend möchte ich sagen, daß wir in den nächsten Jahren komplexe Probleme zu lösen haben, die sich aus der Klimaveränderung und der Energieverknappung ergeben werden. Diese Probleme werden teilweise gleichzeitig auftauchen, teilweise wird eines das andere erst erzeugen.

Wir dürfen nicht in Extreme verfallen. Wir dürfen weder leugnen, daß wir ein Problem haben werden, noch dürfen wir in kopflose Panik verfallen. Noch haben wir Zeit um die Situation zu verstehen, zu analysieren und Lösungen zu finden. Ich schlage vor, daß wir versuchen festzustellen, von welchen Gefahren wir wahrscheinlich betroffen werden, und diese Probleme unterteilen wir dann in kleinere Unterabschnitte und arbeiten sie der Reihe nach ab. Viele Dank.

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