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System Ehrbar oder Das Geflecht der Macht

In seinem Kommentar "Warm anziehen"(RNZ vom 08./09.09.01) stellt Herr Werschak zwei Fragen, die es wert sind näher beleuchtet zu werden. Erstens die Frage: "Wie konnte das System Ehrbar so lange funktionieren?" Und zweitens: "Wie konnten sich Spezis so lange aus den städtischen Töpfen bedienen, ohne dass davon etwas ruchbar wurde?" Aus den Erfahrungen einer nunmehr siebenjährigen Tätigkeit als GALL-Gemeinderat kann ich dazu folgendes sagen:

1. "Wie konnte das System Ehrbar so lange funktionieren?"

Diese Frage ist denkbar einfach zu beantworten. Weil - ähnlich wie im Falle Kohl - dieses System von der Bürgerschaft immer wieder gewählt wurde, und zwar sowohl die Person Herbert Ehrbar als Oberbürgermeister als auch die ihn bedingungslos unterstützende konservative Gemeinderatsmehrheit. Besonders "eindrucksvoll" geschah dies noch einmal 1999 bei der letzten Kommunalwahl, bei der allein die CDU fast die Hälfte aller Stadtratsplätze für sich in Beschlag nehmen konnte.

Da ist die Frage "Warum wurde dieses System immer wieder gewählt" schon wesentlich aufschlussreicher. Die Antwort lautet: Weil viele davon profitiert haben, z. B. die Vereine. Ehrbar hat immer wieder voll Stolz auf "seine" 185 oder 190 Leimener Vereine hingewiesen und deren ehrenamtlichen Einsatz zu Recht besonders hervorgehoben. Was gibt es daran also auszusetzen? Auch in anderen Städten und Gemeinden wird engagierte Vereinsarbeit geleistet. Aber wurde/wird sie dort auch in gleichem Umfang wie in Leimen protegiert? Die Antwort ist eindeutig NEIN. Zu diesem Schluss kommt auch die Gemeindeprüfungsanstalt, die während meiner Amtszeit zweimal die Amtsgeschäfte der Stadt Leimen überprüfte und jedesmal diese Zuschüsse als unverhältnismäßig hoch monierte.

"Der hat viel für die Leimener Vereine gemacht," war ein oft gehörter Satz. Ehrbars Aushängeschild Nummer 1, das Vereinszuschussprogramm, verschlang in der Tat im Laufe der Jahre Millionenbeträge. "Panem et circenses" ("Brot und Spiele") heißt ein altrömisches Erfolgsrezept für Machtpolitiker. Herbert Ehrbar hat es beherzigt. Denn in einer Gemeinde, in der es mehr Vereinsmitglieder als Bürger gibt, sind die Stimmen dieser Mitglieder ein nicht zu verachtendes Potential. Wenn bei noch so angespannter Haushaltslage ein neuer Sportplatz oder eine neue Turnhalle gebaut wird, dann ist das Gros der Bevölkerung mit Sicherheit nicht an deren Finanzierung (natürlich auf Kredit!) interessiert, sondern unterstützt gern auch weiterhin dieses System der offenen Kassen.

2."Wie konnten sich Spezis so lange aus den städtischen Töpfen bedienen, ohne dass davon etwas ruchbar wurde?"

Diese Frage ist so leider nicht richtig. Es muss vielmehr heißen: "Was durfte man sagen?" und "Was wollte man wissen?"

"Was durfte man sagen?" Selbst diese Fragestellung ist noch recht ambivalent, denn sie stellt sich z. B. für einen Bediensteten der Stadt, der im Zuge seiner Amtsgeschäfte auf irgendwelche "Unregelmäßigkeiten" stößt, anders als für einen Gemeinderat, der normalerweise nur von einer Seite her Informationen erhält, nämlich vom Oberbürgermeister. Dennoch, beiden ist gemein, dass es viele Informationen gibt, die - da nichtöffentlich gegeben - nicht publiziert werden dürfen. Dazu ein Beispiel:

Der in der Presse schon häufig zitierte Bericht der Gemeindeprüfungsanstalt wird in nichtöffentlicher Sitzung vorgestellt, zu der jeweils nur ein Mitglied pro Fraktion zugelassen ist. Diese Person muss selbst der eigenen Fraktion gegenüber über die vorgestellten Inhalte Stillschweigen bewahren. Da ich selbst bei der vorletzten Prüfung an dieser Sitzung teilgenommen habe, sind mir einige der heute von Staatsanwaltschaft geahndeten Vorgänge, wie z. B. die überhöhten Rechnungen für Fotoarbeiten, schon lange bekannt, doch unterlagen diese Informationen bis heute der Geheimhaltung. Im letzten Prüfbericht konnte man u.a. Hintergründe über die inzwischen ebenfalls öffentlich bekannt gewordenen Grundstücksangelegenheiten erfahren. Auch diese natürlich anonym und streng vertraulich!! Das heißt: Über den sonstigen Inhalt müssen wiederum die weiteren Veröffentlichungen der Staatsanwaltschaft abgewartet werden.

Manch eine inoffizielle Information fand hinter vorgehaltener Hand ihren Weg aus dem Rathaus heraus. Diese Informanden machten sich dadurch aber zum einen strafbar und wollten deswegen auf keinen Fall genannt sein, zum anderen konnten sie ihre Hinweise in keinster Weise belegen. Wie also dieses Wissen, das zu den wildesten Spekulationen Anlass gab, nach draußen geben? Wollte man sich nicht des Vorwurfs der Verleumdung aussetzen, waren wir in vielen Fällen zum Schweigen verurteilt.

Eine andere Frage treibt mich jedoch wesentlich mehr um, die Frage nämlich:"Was wollte, was will man eigentlich wissen? Denn vieles konnte ohne Mühe in Erfahrung gebracht und publiziert werden, es stand nämlich in den Vorlagen öffentlicher Sitzungen. Z. B. welche Firmen auch ohne förmliche Ausschreibung immer wieder städtische Aufträge erhielten, und welcher Gemeinderat daraus einen Vorteil zog. Oder etwa die Frage, welcher Beamte befördert wurde und welcher nicht.

Ein wesentlicher Kritikpunkt der Gemeindeprüfungsanstalt ist bekanntlich, dass zu viele Stellen in der Verwaltung zu hoch dotiert sind. Ehrbar hat bei seiner Personalpolitik immer eine knallharte Selektion vorgenommen und seine Verwaltung eher nach machtstrategischen Gesichtspunkten als nach möglichst hoher Effizienz organisiert. So wurden in einem kritischen Bereich wie dem Rechnungsprüfungsamt die Stellen so oft neu besetzt, dass eine verläßliche Arbeit kaum möglich war.

"Wess' Brot ich ess, dess' Lied ich sing" und "Teile und herrsche" - zwei andere Lebensweisheiten, die sich Herbert Ehrbar für sein Geflecht der Macht bestens zu eigen gemacht hatte.

Seit 15 Jahre haben die Grünen in der Grünen Rundschau ausführlich über diese Vorgänge berichtet. Mit einer Auflage von 10.000 haben wir zeitweise mehr Haushalte erreicht als das offizielle Amtsblatt - und dies ausschließlich finanziert durch unsere Sitzungsgelder. Allein, wen interessierte dies? Ungezählte GrüRu's verschwanden im Laufe der Jahre ungelesen in der Mülltonne. Abgetan als ewige Stänkerer und Querulanten wurde statt dessen die Rathausspitze nicht müde, uns bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten, insbesondere Vereinsvertreter-Versammlungen, zu diffamieren.

Einmal haben wir das offiziell verhängte Schweigegebot dennoch gebrochen. 1995 zusammen mit der SPD, bei der sog. Dienstwagenaffäre. Die Resonanz darauf war im Gemeinderat wie in der Bevölkerung äußerst zwiespältig. Obwohl sich auch damals schon die Staatsanwaltschaft für diesen Fall interessierte, war der Mehrheit weniger an Aufklärung als an einer nachträglichen Absegnung der Vorgänge gelegen. Ein Verfahren, das sich im übrigen noch bis in die Zeit nach Ehrbar gehalten hat. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die nachträgliche Bewilligung von Ehrbars unzulässigem Möbeleinkauf für die Ägidiushalle sowie die widerrechtliche Endlagerung des Kunstrasenschredders, um nur zwei neuere Beispiele zu nennen. Damals, 1995, sagte ein Gemeinderatskollege zu mir: "Ich bin Kommunalpolitiker und kein Kriminologe." Diese Haltung ist für die meisten KollegInnen auch heute noch bezeichnend, wenn es um die Aufarbeitung der Ära Ehrbar geht.

Michael Reinig