Zu dieser Veranstaltung durften wir nicht nur unsere Podiumsmitglieder Frau Barth (Sozialarbeiterin beim IB), Herrn Bubenitschek (Hauptkommisar, Kriminalprävention) und Herrn Dr. Walter (Leiter der Jugendstrafvollzugsanstalt Adelsheim) begrüßen, sondern auch zahlreiche BesucherInnen aus Leimen, unter denen sich auch weitere ExpertInnen aus Polizei und Jugendarbeit befanden. Auch über ein Viertel des Gemeinderates hatte zu uns gefunden. Diese gute Beteiligung zeigt, dass das Thema Jugendkriminalität auch abseits aktueller Anlässe und spektakulärer Fälle von Interesse ist. Zumal sich ein solches heikles und zum Teil angstbesetztes Thema zu einem solchen Zeitpunkt emotionsfreier diskutieren läßt.
Nach einer kurzen Vorstellung und Einführung durch Stadtrat Frühwirt, hatten die Podiumsteilnehmer zunächst die Gelegenheit das Thema aus ihrer Sicht und dem Blickwinkel ihres Arbeitsfeldes zu beleuchten, ehe danach die Fragerunden zu den drei Aspekten “Realität, Ursachen, Reaktionen” begannen. Dr. Walter machte den Anfang, wobei sehr deutlich wurde, dass er – obwohl Chef einer Jugendstrafvollzugsanstalt – kein Befürworter eines schnellen und kompromisslosen Wegsperrens straffälliger Jugendlicher ist. Da er auch Kriminologe ist, wußte er seine Einstellung natürlich auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse zu belegen. Er hatte dazu unter anderem auch den ersten periodischen Sicherheitsbericht der Bundesregierung mitgebracht, aus dem er einige wichtige Daten zitierte. So werden über 85% der schweren Gewaltdelikte von Erwachsenen begangen, gewalttätige jugendliche spielen hier nur eine Nebenrolle. Dass sie bei uns dennoch verstärkt wahrgenommen wird, hängt wohl mit der Stellung von Jugendlichen als gesellschaftliche Minorität zusammen, die erfahrungsgemäß immer mehr im Blickpunkt steht als andere. Auf einen weiteren wichtigen Punkt wies Dr. Walter hin, nämlich auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Erwachsenen- und Jugendkriminalität. Letztere wächst sich im allgemeinen aus, ist also ein Phänomen der Übergangsphase Jugend. Selbst bei den von ihm betreuten schweren Fällen – nur 7% der Verurteilten erhalten eine Strafe ohne Bewährung – bleiben über 70% als Erwachsene dauerhaft straffrei.
Herr Bubenitschek ging dann näher auf die Situation in Leimen ein. Er wies darauf hin, dass Leimen die niedrigste Kriminalitätsrate aller großen Kreisstädte in RNK aufweist. Auch dass im RNK der Anteil der Jungtäter (8-21 Jahre) in den letzten Jahren leicht gefallen ist, von 30 auf 27%. Zu diesem positiven Ergebnis hat sicher auch die von ihm geleitete Kriminalprävention beigetragen, die von der Polizeidirektion Heidelberg sehr engagiert vorangetrieben wird.
Frau Barth berichtete über ihre Tätigkeit im Rahmen der schulisch-sozialen-beruflichen Integration von Migrantenkindern. Sie wies darauf hin, welch großer Bedarf hier an den wöchentlich vier offenen Sprechstunden herrscht, was deutlich macht, dass die entsprechenden Gruppen an Unterstützung nötig haben. Dabei geht es auch um familiäre Probleme, häusliche Gewalt oder Alkoholmissbrauch, die aus der Migrationssituation erwachsen und denen die Kinder und Jugendlichen dann ausgesetzt sind. Insbesondere da wird es problematisch, wenn durch unzureichende Sprachkenntnisse schlechte berufliche Perspektiven gegeben sind und Aussichtslosigkeit das Leben der Jugendlichen bestimmt. Kommen dann noch negative Auswirkungen der Umgebung dazu, wie zum Beispiel der Treffpunkt von Suchtkranken im Übergangswohnheim oder Beschaffungskriminalität, dann erschwert das die Lage der Jugendlichen noch zusätzlich.
Nachdem in dieser ersten Runde nun schon zahlreiche Aspekte von Realität, Ursachen und Reaktionen aufgegriffen wurden, ging es in der anschließenden Fragerunde dann in die Details. Dr. Walter erläuterte zum Beispiel das Missverhältnis zwischen tatsächlich verübten Gewalttaten und der Berichterstattung in den Medien. So sind nur 6% aller Straftaten Gewaltdelikte, aber 37% aller Presseberichte handeln von diesem kleinen Bereich. Zusammen mit der gestiegenen Anzahl der Medien, insbesondere der Fernsehsender, und der Sendestunden, sehen wir uns einer enormen Menge von Berichten über Gewalttaten gegenüber, die uns ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit vermitteln.
Ein anderer Aspekt verschärft diese Wahrnehmung im Bereich der Jugendlichen noch zusätzlich. Im Gegensatz zur Erwachsenenkriminalität geschieht diese viel häufiger im öffentlichen Raum und wir deshalb auch schneller angezeigt und verfolgt.
Herr Bubenitschek verwies darauf, dass all diesen Entwicklungen zum Trotz die Kriminalitätsfurcht nach einer kürzlich durchgeführten Studie in Leimen relativ gering ist, was auch der tatsächlichen Kriminalität entspricht. Bei der Frage nach Ursachen von Jugendkriminalität war man sich darüber einig, dass gewalttätiges Verhalten gelernt wird, zuallererst in der Familie aber auch in der Schule, wo die Lernprogramme noch immer auf Ellbogen programmiert sind. Das Vorbild der individualisierten Gesellschaft, in der jeder seinen Weg geht, die weitverbreitete Wegschaumentalität, das schnelle Deligieren von Aufgaben auf Profis, sind weitere Aspekte die als Ursachen diskutiert wurden.
Auch Frau Barth plädierte eindringlich dafür, dass Jugend zuallererst Beschäftigung und damit Perspektiven braucht, aber auch Anlaufstellen zur Unterstützung und Prävention. In diesem Zusammenhang verwies sie auf die anstehende Schließung des Übergangswohnheims in der Fasanerie zum Ende des Jahres, womit auch die weitere Betreuung der jugendlichen in Frage steht. Hier laufen gegenwärtig Gespräche über die Fortführung einzelner Programme. Die letzte Runde drehte sich dann um die Möglichkeiten der Reaktion auf Jugendkriminalität. Da diese häufig in Gruppen geschieht, ist die Einbeziehung der Gleichaltrigengruppe wichtig. Am leichtesten zu erreichen ist das durch offene Jugendarbeit und Streetwork. Die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen zur Schaffung von Prespektiven und die Hilfe beim Übergang von Schule zum Beruf sind ein weiterer wichtiger Aspekt. Auch die Vorbildfunktion Erwachsener und das Hinschauen insbesondere in problematischen Situationen, also Zivilcourage, vermitteln gesellschaftliche Wertvorstellungen und Orientierung. Letztlich – und hier ist auch die Stadt Leimen gefragt – kommt es auch darauf an, die Lebensbedingungen junger Menschen vor Ort zu verändern.
Ein interessanter Vorschlag dazu kam aus der Mitte des Publikums. Es wurde ein Programm angeregt, bei dem ältere Menschen als Mentoren für Kinder und Jugendliche fungieren. Unserer Meinung nach würde es sich durchaus lohnen, sich darüber Gedanken zu machen, in welchem Rahmen und mit welchen Inhalten dies geschehen könnte. (Leider war der Herr, der den Vorschlag machte nach der Veranstaltung schnell verschwunden. Wir bitten ihn, sich bei uns zu melden, Tel. 80434).
Nach mehr als zwei Stunden Information und Diskussion konnte Ralf Frühwirt ein positives Fazit dieser sehr gelungenen Veranstaltung ziehen. Er bedankte sich bei den Podiumsteilnehmern mit je einer Flasche Leimener Wein und beim Publikum für das große Engegement bei der Diskussion.
Ralf Frühwirt