Impressionen aus dem Exil

Unter diesem Motto wurde am Sonntag, den 24.01.1999, in Leimen im evang. Gemeindezentrum Phillip-Melanchton-Haus eine Fotoausstellung eröffnet. Anhand der Fotos von Frau Gülay Böhnisch wird versucht, die Lebenssituation von Flüchtlingen in Deutschland am Beispiel der Gemeinschaftsunterkünfte in Wiesloch darzustellen. Mit dieser Ausstellung wollen der Caritasverband Wiesloch (Sozialdienst für Flüchtlinge) auf die ab diesem Jahr veränderte Situation für Flüchtlinge aufmerksam machen.

Seit dem 01.01.1999 werden neueinreisende Flüchtlinge in Baden Württemberg in lagerähnlichen Sammelunterkünften untergebracht. Die bisher in weiten Teilen des Landes praktizierte dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen wird generell abgeschafft. In diesen sogenannten ,,vorläufigen Unterbringungen" müssen die Flüchtlinge während der gesamten Dauer des Asylverfahrens bis zu dessen rechtskräftigem Abschluss und darüber hinaus noch bis zu einem Jahr bleiben, wenn sie nicht sofort nach Verfahrensabschluss abgeschoben werden können.

Das bedeutet für Asylbewerber, dass die ,,vorläufige Unterbringung" auch Jahre dauern kann, je nachdem wie lange das Asylverfahren dauert.

Die Unterbringung der Flüchtlinge in lagerähnlichen Sammelunterkünfien über einen teilweise mehrjährigen Zeitraum hinweg mit genereller Gewährung von Sachleistungen verhindert die Anpassung an deutsche Gesellschaftsnorrnen sie fördert Agressionen unter den Flüchtlingen und leistet psychosozialen Problemen und Krankheiten Vorschub. Diese Ghettobildung führt im deutschen Umfeld zu Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit. Konflikte innerhalb der Lager und mit der deutschen Bevölkerung sind vorprogrammiert.

Durch den Übergang der gesamten ausländerrechtlichen Zuständigkeit auf die Landratsämter wird die Zahl der Ausländerbehörden im Lande von 125 auf 44 reduziert. Dies erfolgt in der erklärten Absicht - so die Gesetzesbegründung -,,ausländerpolitische Ziele der Landesregierung effizienter durchsetzen zu können" sowie die staatliche Kontrolle über diese reduzierte Zahl von Behörden zu verbessern. Im Klartext bedeutet dies rigorosere und besser überschaubare Abschiebungspraxis.

Die Pauschalerstattung der Kosten vom Land unterhalb der tatsächlich anfallenden Beträge und dazu noch auf freiwilliger Basis zwingt die unteren Aufnahmebehörden zu drastischen Einsparungen.

Es ist zu erwarten, daß in Zukunft vielerorts die Flüchtlinge mit möglichst wenig Personal verwaltet und nicht mehr betreut werden. Die Vergabe von Betreuungsaufgaben an die Wohlfahrtsverbände ist eine "Kann"-Bestimmung und wird unter den gegebenen finanziellen Voraussetzungen eher die Ausnahme bleiben. Im Rhein-Neckar-Kreis hat Landrat Dr. Schütz dem Caritasverband den Betreuungsvertrag für die Unterkünfte in ,,Wiesloch und Eberbach sowie für die Flüchtlingsbetreuung generell zum 31.12.98 gekündigt.

Wenn die qualifizierten Fachdienste der kirchlichen Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonisches Werk aus der Beratung ausgeschlossen werden, sinken die Chancen der Flüchtlinge auf einen Erfolg im Asylverfahren gegen Null, was wahrscheinlich auch gewollt ist, denn von einem Taschengeld von DM 80,00 im Monat können sie sich keinen Rechtsanwalt leisten. Die Flüchtlinge werden sich hoffnungslos im deutschen Asylverfahrensrecht verirren. Ehrenamtlichen Betreuern wird durch die Konzentrierung der Flüchtlinge in wenigen Sammelunterkünften ihre Arbeit erschwert oder sogar unmöglich gemacht.

Jeder, der die Bilder in der Fotoausstellung gesehen hat, kann sich in etwa eine Vorstellung davon machen, wie traurig und hoffnungslos sich die Flüchtlinge in ihrer Situation fühlen. Für diese Menschen ist die dramatischste Folge der Vertreibung aus ihrer Heimat und ihrer Gemeinschaft der Verlust ihrer Menschenwürde. Die Flüchtlinge haben ihre Familie und Freunde verloren, geistige, religiöse und kulturelle Bindungen, die ihre Identität festigen und bestimmen, sind nicht mehr vorhanden. Meistens müssen sie mit mehreren Problemen gleichzeitig fertig werden. Gewalt, Ablehnung und rassistische Feindseligkeit verstärken die Traumata der Zwangsmigration. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, die fehlende Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die fehlende Möglichkeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen, machen die Flüchtlinge krank und depressiv.

Diese Menschen ohne Betreuung und Begleitung über einen unbestimmt langen Zeitraum in lagerähnlichen Sammelunterkünften dahinvegetieren zu lassen, ist unmenschlich und verantwortungslos.

Die Ausstellung ist bis zum 21. Februar (nach telefonischer Anmeldung unter 06224/71303) im evang. Philipp-Melanchton-Gemeindehaus in Leimen, Turmgasse 21 zu besichtigen

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